Kunz hat wenig Verständnis

„Sehr geehrte Damen und Herren, in wenigen Augenblicken beginnen wir mit dem Landeanflug auf Dar Es Salaam. Das Wetter ist gut, bei 25 Grad. Wir werden voraussichtlich um 20 Uhr 30 Ortszeit landen. Wir verabschieden uns von Ihnen und bedanken uns für Ihr Vertrauen. Wir freuen uns, Sie wieder an Board von Swiss begrüssen zu dürfen.“

Kunz streckt sich – er hat genug Filme angesehen. „Zeit, den Reiseführer anzuschauen“, denkt er sich und kramt das Buch hervor. Aber irgendwie hat er keine Lust zu lesen. Seine Gedanken kreisen um die letzten Filme, die er gesehen hat. Und um die Frage, ob er auf seiner Safari die Big Five sehen wird. Er blättert lustlos in seinem Buch. „Hmm, das erste Mal in Tansania?“ fragt der ältere Mann zu seiner linken, der gerade seinen dicken Roman in seinen Rucksack packt. „Wie? Ach so, Ja. Ja. Ich reise das erste Mal nach Afrika“, antwortet Kunz nach kurzem Zögern. „Ach, ich weiss noch, als ich das erste Mal in Dar Es Salaam landete. Das war vor dreissig Jahren“, fährt der ältere Mann fort. „Übrigens, ich heisse Franz“. „Freut mich, Kunz mein Name.“ „Kunz, so so. Und was machen Sie in Tansania?“ will Franz wissen. „Ich gehe auf Safari und will die Big Five sehen. Die Steppen und die Gnus, Büffel und Impalas in der Serengeti und die Nashörner im Ngorongorokrater“ sagt Kunz. Er stopft sein Buch wieder in die Tasche. „Und was führt Sie nach Tansania, Franz?“, fragt Kunz beiläufig.

Franz hat gerade sein Tischchen hochgeklappt und den Sicherheitsgurt wieder angelegt. Er trägt eine khakifarbene Hose aus grobem Stoff und ein weisses Hemd aus feinem Leinen. Sein graues Haar hat er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der Bart ist akkurat auf fünf Millimeter gestutzt und auf der Nase sitzt eine einfache, silberne Brille. Er reagiert nicht sofort auf Kunz’ Frage, sondern brummt ein langes „Hmmm“, vor sich her.  „Das ist eine gute Frage, Kunz. Ich glaube damals war es vor allem Abenteuerlust. Ich bin Schreiner und wollte zu der Zeit etwas von der Welt sehen. Also bin ich nach Ostafrika gereist. Addis Abeba in Somalia, dann weiter nach Nairobi und Mombasa in Kenia, und dann bin ich irgendwie in Tansania gelandet.“ Kunz schüttelt den Kopf. „Wie kann man ‚einfach so’ in Tansania landen?“ fragt er zurück. „Nun, in Addis habe ich bei einem Schreiner gearbeitet. Nach einem Jahr wollte war ich müde und wollte eigentlich am liebsten wieder zurück nach Deutschland. Aber ich konnte mir das Flugticket nicht leisten. Also bin ich mit einem Arbeitskollegen der aus Kenia kommt, nach Nairobi gefahren. Ich wollte dort Arbeit finden.“ „Hatten Sie denn nicht genügend Geld für das Rückflugticket als Reserve vorhanden“, wollte Kunz wissen. „Nein, wozu auch? Ich dachte damals, dass ich in Addis bleiben werde und habe mir auch in diesem ersten Jahr ein Haus gebaut“, sagt Franz. „Echt? Wahnsinn!“ entfährt es Kunz, „war das nicht gefährlich?“ „Gefährlich?“ Franz schüttelt den Kopf. „Ich weiss ja nicht, was Sie von Afrika denken, Kunz, aber gefährlich ist die tägliche Routine. Tagein tagaus mit den gleichen kleinen Problemen konfrontiert zu sein, das ist gefährlich.“ Kunz schaut Franz von der Seite an. „Wie kann man nur so verantwortungslos sein und einfach wegziehen und nicht mehr zurückkommen wollen“, denkt er sich. „Hatten Ihre Eltern kein Problem damit, dass Sie weggezogen sind?“ fragt er schliesslich nach einer kurzen Pause. „Ach, das war mir herzlich egal.“ Franz zuckt mit den Schultern. „Wissen Sie, Kunz, ich habe nie einen Gedanken daran verschwendet, was andere von mir denken mögen.“ „Aber macht das nicht einsam?“ fragt Kunz weiter. Franz lächelt. „Eine gute Frage, die Sie stellen, Kunz. Die Antwort darauf ist einfach. Ja, manchmal fühlte ich mich einsam. Und das mache ich auch heute noch – jetzt zum Beispiel fühle ich mich einsam und isoliert.“ Kunz weiss nicht so recht, ob er darauf antworten soll und sagt bloss: „Oh, das tut mir leid.“ Franz zuckt wieder mit den Schultern. „Dass muss es Ihnen nicht, Kunz. Schliesslich bin ich auf dem Rückweg zu meiner Familie.“ „Ach? Sie haben nachdem Sie in Kenia waren ihre Zelte in Tansania aufgeschlagen?“ Kunz ist erleichtert und hat das Gefühl, dass die Diskussion wieder etwas leichter wird. „Ja, ich bin mit einer Tansanierin verheiratet und habe zwei Kinder.“

„Warum eine Tansanierin? Waren die deutschen Frauen nicht gut genug für Sie?“ will Kunz wissen. Kunz zuckt zusammen, als er die Frage ausgesprochen hat. Er realisiert, dass er damit eine Grenze überschreitet. Doch bevor er seinen Ausrutscher korrigieren konnte knallt ihm Franz die Antwort hin. „Wissen Sie, Kunz, ich bin froh, wenn wir ankommen. Dann muss ich Ihre Visage nicht mehr länger ansehen. Ganz ehrlich, ich schätze Ihre Neugier. Aber ich verstehe nicht, warum Sie auf dieses ‚Wer ist besser?‘-Schema abfahren. Es gibt auf der ganzen Welt tolle Frauen; ich habe meine halt nicht in Deutschland sondern in Kenia gefunden. Und nein, ich bin kein Weltverbesserer oder Gutmensch oder sonst irgendetwas, das von Nationalisten und Konservativen in der ganzen Welt gerne zum Feindbild hochstilisiert wird, weil er oder sie interkulturelle Kompetenzen hat. Ich bin einfach ein Mensch und habe mich in Kenia in eine Tansanierin verliebt. So einfach ist das.“ Franz’ Gesicht ist rot geworden, seine Stimme lauter.

„Tut mir leid, Mann. Ich habe Sie nicht absichtlich provozieren wollen.“ Kunz ist in seinem Sitz ganz klein geworden. „So?“ Franz hat sich noch nicht beruhigt. „Echt, ja!“, sagt Kunz und fügt an: „Wissen Sie, ich bin der Meinung, dass die Vermischung der verschiedenen Kulturen zu sehr vielen gesellschaftlichen Spannungen führt. Sie sehen ja gerade in Europa, was derzeit die Flüchtlinge machen, die bei uns ankommen. Die untergraben die westlichen und christlichen Werte.“ Franz begutachtet sein Gegenüber und beginnt zu lachen. „Hahaha, die Flüchtlinge nehmen uns alles weg und untergraben christliche und westliche Werte? Hahaha, einen grösseren Schwachsinn habe ich noch selten gehört.“ „Bitte?“ Kunz ist etwas irritiert. „Schauen Sie, Kunz. In Tansania leben Christen und Muslime nebeneinander und miteinander. Beide Religionen haben ihren Platz, werden gepflegt. Wer glaubt, er könne die Religion oder die Werte durch die Politik schützen, der hat nicht verstanden, dass Religion und gesellschaftliche Werte sich in einem stetigen Wandel befinden. Wir können unsere westlichen und christlichen Werte nicht schützen, wenn wir sie nicht pflegen. Aber Sie haben Recht, es gibt Probleme und Spannungen. Es gibt Konflikte. Einerseits geben wir vor toleranter zu sein, als wir tatsächlich sind, andererseits wird die Toleranz auch ausgenutzt. Darüber müssen wir sprechen. Aber deswegen zu sagen, man soll den Austausch und die Interaktion mit anderen Kulturen beschränken ist wie wenn man auf Sex verzichtet weil die Beziehungsarbeit anstrengend ist.“ Franz grinst. Und fügt an: „Aber ich verstehe, dass das für Sie etwas zu anspruchsvoll ist. Ich meine, Ihre Reise ist wie Sex ohne Beziehung. Ein One Night Stand. Sie sehen die schönen Seiten von Tansania, die Landschaft, die Big Five, die tanzenden Massai. Von der Arbeitslosigkeit und der Armut auf dem Land, von den vielen jungen Leuten, die auf ihre Zukunft hoffen und mitgestalten wollen und von den vielen kleinen und grösseren Initiativen im Land erfahren sie nichts.“

„He, ich mag One Night Stands“, gibt Kunz zurück. „Jaja, ich weiss. Aber sie sollten sich dann aber wenigstens outen – als Nichtswisser in Beziehungsfragen; oder im übertragenen Sinne als Nichtswisser in Bezug auf Kultur, Gesellschaft und Religion in Tansania und die damit verbundenen Wechselwirkungen mit westlichen Gesellschaften.“

Kunz muss lachen. Und überlegen. Er ist sich nicht sicher, ob er alles verstanden hat. Aber er ist froh, auf die Beziehungsarbeit mit Tansania verzichten zu können. Kunz mag komplizierte Dinge nicht besonders.

Anmerkung:

Dieser Dialog hat sich so wohl nie ereignet und ist dem Geist des Autors entsprungen. Die Probleme allerdings, sind real. Es gibt in Tansania manche Ausländer, die sich hier niedergelassen haben, arbeiten und Geld verdienen, die Gesellschaft beeinflussen. Daneben gibt es noch viel mehr Touristen, die vorbeikommen und rasch wieder verschwinden.
Zur Religion im Land gibt es hier ein paar weitere Informationen.

Zum Flug:

Swiss fliegt von Zürich mit einem Stopover in Nairobi nach Dar Es Salaam und von dort aus direkt wieder zurück nach Zürich. Passagiere, die in Nairobi zusteigen, müssen in Dar Es Salaam fünfzig Minuten warten, bis die Maschine wieder Startklar, die Crew ausgewechselt und die Passagiere aus- und eingestiegen sind. Passagiere, die nach Dar Es Salaam fliegen, haben zuvor schon in Nairobi gewartet, bis Passagiere aus- und zugestiegen sind.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s